Deutsche Minderheiten in Europa und Landsmannschaften in Deutschland: Ein Vergleich (II)

EJM Vol.2 No. 4 2010

 

Ortfried Kotzian

Anm d Red: Die nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte Flucht und Vertreibung von Deutschen aus Osteuropa nach West- und Ostdeutschland bedeutet bekanntlich eine Zäsur in der Geschichte der deutschen Minderheiten. Seitdem steht den in der alten Heimat verbliebenen, zahlenmäßig jedoch stark reduzierten deutschen Minderheiten eine neue Gruppierung gegenüber: die deutschen Vertriebenen, Betroffene oder Nachkommen der über zwölf Millionen aus verschiedensten Herkunftsgebieten Osteuropas geflüchteten Menschen, die sich in Deutschland und Österreich zum großen Teil in Landsmannschaften organisiert haben. In Teil I dieses Beitrags, der in Heft 3-2009 erschienen ist, wurde die unterschiedliche Ausgangslage beider Gruppierungen vor allem unter dem Gesichtspunkt der jeweiligen kulturellen Identität beschrieben. Im nun folgenden Teil II geht es um das Verhältnis zwischen diesen. Dabei werden die bestehenden Konfliktlinien nachgezeichnet und verständlich gemacht, Lösungsvorschläge unterbreitet und zugleich – am Beispiel der Sudetendeutschen – Zukunftsperspektiven speziell für ein deutsch-tschechisches Miteinander eröffnet. 

4. Die Konflikte zwischen deutschen Minderheiten und Landsmannschaften

4.1. Die psycho-soziale Situation, in der sich die Landsmannschaften befinden

Die psycho-soziale Situation der Landsmannschaften sei zunächst am Beispiel der sudetendeutschen Volksgruppe und ihrer Landsmannschaft verdeutlicht. Grundsätzlich bestand für die sudetendeutsche Volksgruppe nach der Vertreibung die Alternative: Integration oder Ghettobildung. Mit anderen Worten ausgedrückt: Eingliederung in die vorhandenen Gesellschaftsstrukturen oder geschlossene Ansiedlung, besser noch „Vorhaltung“ in Lagern, um eine Machtzusammenballung zu schaffen, ein soziales Sprengpotential anzuhäufen, das jederzeit politisch einsetzbar gewesen wäre. Die verantwortlichen Politiker in der Bundesrepublik, aber auch in der sudetendeutschen Volksgruppe selbst, haben sich für die Eingliederung der Sudetendeutschen entschieden.
Volksgruppenpolitisch war mit der Eingliederung aber auch eine beachtliche Gefahr verbunden. Die Volksgruppe würde über kurz oder lang in dem großen deutschen Volk aufgehen. Die Vertreibung in eine gleichnationale Umwelt (zumindest im hochsprachlichen Sinne) schuf die Möglichkeit, die Unterschiede zwischen den Gruppen zu verwischen. Wie hat die sudetendeutsche Volksgruppe auf diese Situation reagiert?
Die Sudetendeutschen haben sich auf die vielfältigste Weise organisiert. Sie haben – und das war eine ihrer wichtigsten positiven Entscheidungen – sich als Landsmannschaft zusammengeschlossen. Diese Landsmannschaft hatte Volksgruppencharakter. Unter ihrem Dach sollten alle Sudetendeutschen unterschiedlicher Interessen und Neigungen, parteipolitischer Zugehörigkeit, Religions- oder Konfessionsangehörigkeit die Möglichkeit erhalten, sich politisch zu engagieren. Das sollte aus zweierlei Gründen geschehen: einmal um die Rechtspositionen der Sudetendeutschen zu wahren und zweitens Aussagen über Ziele und Aufgaben der eigenen Volksgruppe machen zu können. Diese landsmannschaftliche Organisationsform war daher wesentlich zukunftsträchtiger als der Zusammenschluss überregionaler Vertriebenenverbände, denn: Vertriebener sein ist nicht schön! Vertriebener sein ist ein sozialer Makel! Und vor allem: „Vertrieben sein“ war keine zukunftsweisende politische Aussage, mit der sich junge Menschen für ein Bekenntnis zur sudetendeutschen Volksgruppe oder zur Landsmannschaft werben ließen.

Den gesamten Beitrag finden Sie im EJM, Vol. 2, No. 4, 2010
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Gepostet von Tanja Szabo am 25.03.2010. In News. Abonnieren mit RSS 2.0. Sie können Kommentare oder Trackbacks setzen

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