Die innere Mechanik der Medien

Infrastrukturprojekte berühren die öffentliche Meinung und bedürfen deshalb sorgfältiger medialer Begleitung


JRP, Jahrgang 17, Heft 3, 2009

Ernst Sittinger

Infrastrukturprojekte unterliegen in ihrer Planung und Verwirklichung den allgemeinen Regeln von Medienpräsenz und öffentlicher Meinungsbildung. Dies gilt umso mehr, als sie zumeist eine größere Menge von nicht unmittelbar in die Projektentwicklung eingebundene Menschen in deren Lebensunmittelbarkeit berühren. Im Folgenden sollen deshalb einige Schlaglichter moderner Mediendynamik, die für den geschilderten Zusammenhang besonders bedeutsam sind, kurz angerissen werden. Wer der Frage nachgeht, warum über einzelne Themen in den Medien in bestimmter Weise berichtet wird, muss sich zunächst das ökonomische Umfeld der Medienproduktion vor Augen führen. Medien haben grundsätzlich einen Doppelcharakter im Verhältnis zur Öffentlichkeit: Einerseits nehmen sie eine öffentliche Funktion wahr, indem sie Öffentlichkeit überhaupt erst herstellen und auf diese Art Meinungsbildung ermöglichen. Andererseits werden heutige Massenmedien in der Regel unter Gewinnabsicht hergestellt. Es geht insoweit also um ein wirtschaftliches Geschäft.

Dies führt zur Überlegung, dass Medien heute wachsendem Konkurrenzdruck ausgesetzt sind. Inhaltlich herrscht eine „Jagd“ nach exklusiven Berichten, ökonomisch sind die Redaktionen in ihrer Kostenstruktur extrem ausgedünnt. Die operative „Denkarbeit“ des Recherchierens, Auswählens und Schreibens wird von immer weniger und immer jüngeren Journalisten verrichtet. Die Frage der adäquaten Ausbildung ist zu stellen, zumal Journalismus ja ein freier Beruf ist und sich jedermann Reporter nennen kann. Auch stürmt auf die wenigen Journalisten eine immer zahlreichere Gruppe von Presse- und Konzernsprechern, Medienberatern und sonstigen professionellen Lobbyisten der öffentlichen Meinungsbildung ein. Insoweit entsteht eine intellektuelle Schieflage.

 Die Steakholder, die in die Medien drängen, unterliegeni hrerseits dem Zwang zur Mediatisierung ihrer Interessen: Nur wer sich artikuliert, kann politisch- sozialen Einfluss nehmen. Und nur das, was die Medien berichten, „passiert“ wirklich. In der Mediengesellschaft sind es die Medien, die Erfolge (er-)zählbar machen.

So wichtig also die Medien sind, so bescheiden sind umgekehrt die Mittel, die ihnen zu Gebote stehen. Im Rahmen der Ökonomie der Aufmerksamkeit müssen sie um das Interesse und damit um die Zeit ihrer Leser buhlen. Deren Mediennutzung ändert sich dramatisch: Internet, Handy und mobile Plattformen sind rasant im Vormarsch. Da der Tag trotzdem nur 24 Stunden hat, bleibt immer weniger Zeit für den Konsum von Zeitungen und klassischen elektronischen Medien – von jenen Trägern also, auf denen Journalismus herkömmlicher Prägung überhaupt noch zu finden ist. Folglich sind Medienmacher gezwungen, ihre Inhalte in immer knappere Botschaften zu verpacken und dabei immer marktschreierischer zu agieren.Dünne inhaltliche Substrate werden in grelle Verpackungen gegossen, denen eine latente Atemlosigkeit zu eigen ist. Bilder, Tabellen, Grafiken und einige wenige Schlagwörter bilden das Rückgrat des medialen Transports.
Für eine halbwegs differenzierte geistige Auseinandersetzung bleibt in dieser Welt der groben Holzschnitte und der dramatischen Schwarz-Weiß-Malereien selten Raum und Zeit. Statt Nachrichten gibt es heute „News“, anstelle von Gesprächen werden „Statements“ ausgetauscht. Der Journalist – will er erfolgreich sein – spitzt zu, polarisiert, setzt Akzente. Das Relative, das Abwägende, das Besonnene ist ihm ein Gräuel, weil es medial gesehen nicht marktgängig ist.

Den gesamten Beitrag finden Sie im JRP, Jahrgang 17, Heft 3, 2009
Online Version verfügbar

Korrespondenz: Dr. Ernst Sittinger, Mitglied der Chefredaktion der Kleinen Zeitung
 

 

 
 

Gepostet von Tanja Szabo am 27.10.2009. In News. Abonnieren mit RSS 2.0. Sie können Kommentare oder Trackbacks setzen

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